Die Mensch-Maschine

Mensch: Wer bin ich? – Roboter: Ein Patient! – Mensch: Wer bin ich? – Roboter: Unsere Rettung!
gold extra entwirft zum Auftakt des Open Mind Festivals der ARGEkultur eine un- und außergewöhnliche Dystopie, die nicht nur thematische Fragen um die Technisierung sondern auch formale um die Zukunft des Theaters aufwirft.

Dystopien sind ja jetzt nicht gerade die neueste Erfindung – doch vorrangig in der Literatur und im Kino zuhause. Die Fantasie und die technische Umsetzung derer im Film ermöglichen alternative Realitäten wie in Watchmen, die totale Technisierung wie in Matrix oder Terminator oder gesellschaftlichen Verfall wie bei George Orwell. Dabei ist die Menschheit nicht nur einmal ausgestorben. Dass diese jedoch aus den Überresten neu geschaffen wird ist sehr selten – rechtfertigt aber diese Adaption des Frankenstein-Themas.

Die Roboter

Wir leben also in einer hochtechnisierten Welt – die Menschen sind bereits vor über 180 Jahren ausgestorben. Das vollautomatische Roboter-Krankenhaus funktioniert aber weiterhin. Bei der Gestaltung der zentralen Roboter hat man sich stark an Gerty aus Moon orientiert und sich (auch beim Audiomaterial) zusätzlich bei Klassikern wie 2001 – Odyssee im Weltraum bedient. Die Bühne ist hochtechnisiert: Ferngesteuert bewegen sich die unterschiedlich großen und mit dezent erkennbaren Charakteren ausgestatteten Maschinen auf relativ kleinem Raum, die Schwester überwacht alles vom großen Screen darüber.

(c) Mike Groeßinger

Dass es keine Menschen mehr gibt ist ein Problem für die medizinischen Roboter, die zwar fehlerfrei funktionieren, jedoch kein Übungsmaterial haben und ihnen daher die Existenzberechtigung in einer auf Effizienz getrimmten Welt fehlt. Daher erscheint der Schluss logisch: Sie bauen sich einen Menschen aus den materiellen und immateriellen Überresten.

Das Model

Es kam wie es kommen musste: Mary ist zu perfekt, hat keine Krankheiten oder Verletzungen und dient daher nicht als Übungsmaterial. Sie ist sogar so gesund, dass sie anfängliche Programmierfehler überwinden kann und langsam zur Bedrohung für die Roboter – ihre Schöpfer – wird. Hier kehrt sich ein typisches Science Fiction-Thema um: Nicht die vom Menschen geschaffenen Maschinen richten sich gegen ihren Schöpfer, sondern die im Stile Prometheus von den allein existierenden Maschinen geschaffenen Menschen (oder Mensch-Maschinen?).

(c) Mike Groeßinger

So klar und spannend der Handlungsverlauf ist, so langsam und schleppend wird dieser vorangetrieben. Die permanent dominante Technisierung des Stückes wirkt etwas sperrig, einzelne Elemente wirken gezwungen witzig, Höhepunkte (neben vereinzelten Lachern und Schmunzlern) kann Mirjam Klebel als einzige „humane“ Darstellerin auf der Bühne setzen. Doch das Team ist viel größer. gold extra, die mit Black Box bereits eine Hamlet-Inszenierung im Repertoire haben, haben sich vielseitige Unterstützung, etwa von Markus Brandt, der unlängst auf Labor L’art ein spannendes Album veröffentlicht hat, für die Video-Steuerungstechnik oder von Selina Nowak, die von MY Sound of Music und Zur schreienden Nachtigall bekannt ist, für die Organisation, geholt.

Diese Verbreiterung des Teams hat dem kreativen Prozess sicher gut getan – die vorangestellte Intention, die Roboter „die Menschen wieder entdecken“ zu lassen, ist klar vermittelt worden. Doch Frankenstein ist kein Stück der Antworten, sondern eines der Fragen: Wo ist bei der zunehmenden Verschmelzung von Technik und Natur die Grenze zu ziehen – was ist praktisch, was nimmt dem Menschen das Menschliche? Aber natürlich auch: Ferngesteuerte Roboter mit voraufgezeichneten Dialogen: Ist das die/eine Zukunft des Theaters – oder soll Science Fiction im Film bleiben?

Cult_Correspondent

Beitragsbilder (c) Mike Groeßinger

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