An der Kreuzung – Ex_Machina

Das Gerät, auf dem sie diese Rezension gerade lesen: Befindet sich ein Klebestreifen auf der Webcam, der eine mutmaßliche Überwachung verhindern soll? Wie sieht es mit dem integrierten Mikrophon aus? Und wird immer eine Verschlüsselungssoftware verwendet, wenn man im Internet surft? Nein. Dann liefern sie die Basis für die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Zumindest wenn man nach Ex_Machina geht, dem Erstlingswerk von Alex Garland. Dystopien wie diese blühen in den letzten Jahren. Nicht ohne Grund.

Nicht ohne Grund heißt die ausführende Firma in Garlands Film „Blue Book“, eine Suchmaschine in Quasi-Monopolstellung. Jede Ähnlichkeit mit real existierenden Unternehmen ist weder intendiert noch zufällig sondern schlicht unvermeidlich, würde wohl Katharina Blum dazu sagen. Ein junger Programmierer gewinnt die Einladung in die höchst exklusive Forschungseinrichtung irgendwo im Nirgendwo, in welcher der Konzernchef an Künstlicher Intelligenz arbeitet. Bereits die Eingangseinsellung verrät gefinkelt, dass wohl nichs so unscheinbar analog sein könnte, als es den Anschein hat. Und ja: Das Kammerspiel in der unterirdischen Behausung ist eine Dystopie des digitalen Zeitalters.

Dass Menschen sich, wie Prometheus, künstlich erschaffene Roboter nach ihrem Vorbild gestalten, ist bekannt und nicht weiter verwunderlich. Ein spannendes Element des Filmes ist, dass auch jene künstlichen Existenzen, ausgestattet mit einer Form von Bewusstsein, die äußerliche Nähe zum humanen Vorbild suchen. Das Wissen über die Gesellschaft und ihre Gepflogenheiten generieren diese Avatare aus den Suchanfragen im Blue Book. Dass auch unser junger Programmierer nicht per Zufall ausgewählt wurde, kann man sich bald denken. Und auch, dass sein persönlicher digitaler Fußabdruck in die Gestaltung der „Umgebung“ einfließen könnte.

Ex-Machina-Download-Wallpapers

Ex_Machina arbeitet, wie alle guten Schreckensszenarien, nahe an der (momentanen) Realität: Nicht nur, dass trotz aller technischen Aufrüstung auf gewisse Science-Fiction-Elemente wie Hologramme zugunsten von 08/15-Samsung-Bildschirmen verzichtet wurde, auch die Ängste, mit denen der Film spielt, sind weit verbreitet. Hier sticht eine Schlüsselszene zu Beginn des Filmes heraus: Caleb, der Programmierer, hat die Möglichkeit, alles über die größte wissenschaftliche Errungenschaft aller Zeiten zu erfahren. Einzig: Er muss eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnen, die ständige und allumfassende Überwachung all seiner Kommunikation von nun an beinhaltet (um sicherzustellen, dass die Verschwiegenheit eingehalten wird). Und nun: Ja oder Nein?

Zeitgeist

Dass Dystopien ein neues Hoch erleben, ist kein Zufall. Besonders in Verbindung mit den digitalen Errungenschaften des 21. Jahrhunderts von Big Data bis Überwachung wachsen Ängste, Unsicherheit und Verschwörungstheorien. Ein Teil unternimmt immense Anstrengungen um seine Privatsphäre zu wahren, der Großteil jedoch verzichtet darauf – und viele sind dementsprechend empfänglich für dystopische Theorien, was nicht alles ohne unser Wissen geschehen mag und noch geschehen wird.

Wenn Her, die digitale Liebesgeschichte des Jackass-Machers Spike Jonze, vergangenes Jahr noch sanft erschreckende Zukunftsszenarien vermittelte, vermittelte die bei uns kaum beachtete Miniserie Black Mirror verschiedene Elemente der digitalen Entwicklung, von digital memory bis modern Voyeurismus, auf verstörende und zynische Weise. Mit The 100, Orphan Black, The Leftovers oder Under the Dome haben es einige Dystopien auch in den breiten Fernsehmarkt geschafft. Doch auch Bücher wie The Circle oder California erfreuen sich weltweiten Interesses. Was sie von früheren Dystopien unterscheidet, ist nur schwer festzumachen, da immer der jeweilige Zeitgeist enormen Einfluss auf die Gestaltung hat.

ExMachina_Payoff_hires2-2-header

So erinnert auch Ex_Machina auf vielen Ebenen an 2001 – Odyssee im Weltraum, wenngleich das elegisch-mystische fast gänzlich fehlt: Auch wenn die Musik im Gegenteil zum Vorbild zugungsten der Nüchternheit und Spannung auf ein Sounddesign reduziert wurde, sind viele Einstellungen in den geschlossenen Räumen ähnlich. Und obwohl die philisophische Ebene viel stärker durchdekliniert wird, kann auch dieser Film nur an der Oberfläche kratzen. So wird zum Beispiel die Frage gestellt, warum der Android eine menschliche Form hat. Und warum gerade eine weibliche. Dieser Gender-Aspekt (männlicher Programmierer, weibliches Produkt) hätte hier viel stärker thematisiert werden können. Andererseits wird das Thema natürlich vs. künstlich in Bildsprache und Dialogen überstrapaziert.

Und wenn im ersten Drittel aufgrund der fortschreitenden Handlung zu wenig Zeit zum Nachdenken bleibt, zum Bilden eigener Gedanken, eigener Meinungen, so wünscht man sich ob gewisser Redundanzen und erwarteter Entwicklungen im Mittelteil eine größere Progression. Dies wird gegen Ende mit mehreren WTF-Momenten und dem obligatorischen Plot-Twist wieder in Ordnung gebracht. Was den Film ausmacht, ist das gekonnte Spiel mit Unsicherheit und der Verteilung von Wissen und Einfluss zwischen den Figuren. Ex_Machina ist trotz seiner philosophischer Oberflächlichkeit einer der spannendsten Filme des Jahres. Nicht nur aufgrund der hervorragenden filmischen Inszenierung, sondern auch aufgrund des Nachdenkbedarfes, der nach dem Kino bleibt. Also: Klebt nun etwas über der Webcam?

Cult_Correspondent

Beitragsbilder: UPI

Advertisements

Ein Gedanke zu “An der Kreuzung – Ex_Machina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s