Sirenengesang mal fünf

„Bronze by gold heard the hoofirons, steelyringing. Imperthnthn thnthnthn.“ – der erste Satz des elften Kapitels des Ulysses von James Joyce verrät schon die Richtung, in die es geht. Das Taschenopernfestival in der ARGEkultur breitet wieder mal einen Klangteppich aus moderner Musik, Sprache und Gesang aus. Einen weißen Teppich, den wir gerne betreten.

Schwarz-weiße Streifen in allen Formen und Richtungen bilden die Kostüme der Darsteller, Musiker sitzen verteilt – und in der Mitte: Ulysses. Kenntlich wird dies durch ein Schild, das er um den Hals trägt. Nach etwas mehr als der Hälfte des Stückes wechselt er die Identität, sprich: dreht das Schild um, und wird zum Ich, bevor die Szene in Dämmerung, mit Glockenschlägen in Dunkelheit und in ein ruhiges Schlussbild übergeht.

Es ist dies die dritte von fünf Miniatur-Opern, die an einem Abend dargeboten werden, unterbrochen nur von einer Pause: Brigitta Muntendorfs„Bronze by Gold“. Miniatur bedeutet 20-30 Minuten. Genug Zeit, um Bilder entstehen zu lassen, Gefühle zu wecken, Eindrücke zu hinterlassen.

„But wait: all is gone.“

Die ungewöhnliche Bühnensituation ist das erste, das auffällt. Dort wo sonst die Ränge sich erheben, wurde eine weiße Treppenbühne eingerichtet, man selber nimmt auf der gegenüberliegenden Seite auf formlos arrangierten Holzsesseln Platz. Es ist ein Showcase, in diesem Fall sogar ein Whitecube. Boden und Wände sind vollständig mit weißem Papier ausgelegt. Jeder Farbakzent, seien es die roten Stöckelschuhe oder die rosa Strumpfhosen, fällt doppelt auf.

(c) Klang21

Nach dem sperrigen Einstieg mit f-lastigen Geräuschen in bemüht wirkenden Szenen ohne Entwicklung („Rinn“ von Ann Cleare) geht es mit dem zweiten Stück „The End of the Song“ von Wen Liu so richtig los: Schnell wird noch Gaffa-Tape auf die Saiten des Flügels geklebt, dann „kling klong klang es herüber“: Die weibliche Performerin in fast zu kurzem Rock und Plateauschuhen führt mit ihrer Gestik und Mimik das Verhalten von weiblichen Popsängerinnen ins Absurde, Gold und Bronze in weißen Anzügen gehen im Kunstnebel unter und werden begleitet von einem Beatboxenden Knabenchor in Lederhosen.

„In der Stille spürt man, dass man hört“

Möglich ist diese Varianz durch die unglaubliche Flexibilität des Ausgangsmaterials: Zwei Seiten des elften Kapitels des Ulysses liegen allen Inszenierungen zu Grunde. Es ist dies jenes Kapitel, das Joyce selber als „Sirenenabschnitt“ bezeichnete, das eigentlich nur ein Sammelsurium von Gedanken und Eindrücken ist und durch Rhythmus und Lautmalerei bestimmt das musikalischte Kapitel darstellt. Anscheinend lassen sich Anspielungen auf über 150 klassische Musikstücke darin finden – dafür tritt der Handlungsfortschritt in den Hintergrund.

(c) Klang21

Die Sirenen sind dabei Bardamen – auch sie kommen an dem Abend nicht nur einmal vor -, die sich hinter einem „Thekenriff“ (in der ARGE der oberste Rang der Tribüne) präsentieren, die jedoch eigentlich keine Gefahren darstellen. Doch Handlung ist es nicht, die im Zentrum der Inszenierungen steht. Auch Requisiten wie ein Abfalleimer oder ein Servierwagen in „Defekt“ von Sarah Nemtsov fügen nur bedingt eine weitere Ebene hinzu.

„Tapp.Tapp. Ein Jüngling, blind, mit tappendem Stock, kam tapptapptappend an Dalys Fenster vorbei“

Es sind grandios arrangierte Laute, dargeboten vom Österreichischen Ensemble für Neue Musik (oenm), die mit Wort- und Gesangsfetzen ergänzt individuelle Zugänge zu einem nicht einfachen Stoff bieten. Kleiner Wermutstropfen ist der Umstand, dass aufgrund der Akustik des modernen Veranstaltungssaales meist nicht ohne Headset gesungen werden kann. Obwohl: Gesungen wird ohnehin nicht viel – bei den raren Möglichkeiten blitzt das individuelle Können auf – da reitet doch lieber die Frau auf dem bunten Kaufhauspferd und die Männer schmeißen Münze um Münze ein. Danke für diese Bilder.

Cult_Correspondent

Beitragsbilder: Klang21

 

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