„Soon you will be on Sugar Hill in Harlem“

Ein neues Jazz-Festival rund um den Hauptbahnhof. Doch von weitem sichtbaren Zelte sind keine Partyzelte. Take the A-Train findet trotz der teilweise prekären und beklemmenden Situation statt und lässt zwei Welten aufeinanderprallen.

(c) Cult_Correspondent

Der Bahnhof ist in der Nachkriegsgeneration und besonders bei den jungen Leuten heutzutage eindeutig konnotiert: Ein Ort, an dem eine Reise beginnt oder endet, ein Ort, wo Vorfreude auf Umsetzung, Aufbruch auf Wiedersehen trifft. Doch historisch betrachtet war der Bahnhof immer auch ein Ort der Trauer und Verzweiflung, ein strategisch wichtiger Ort.

Dabei ist es eher Zufall oder Pech, dass Bahnhöfe im Staatsbesitz sind. Zunächst war der Eisenbahnausbau nicht nur in Kontinentaleuropa ein Pioniersakt von Privatunternehmen. Als schließlich die Finanzblase in der wohl größten Wirtschaftskrise des 19. Jahrhunderts, der Gründerkrise 1873 (auf die die Lange Depression der 1870er-Jahre folgen sollte), platzte, musste der Staat für all die innovativen Unternehmen einspringen, die sich verspekuliert hatten – und übernahm Energieversorger, Verkehrsbetriebe (deswegen sind diese auch heute noch häufig in einer Firma vereint) und eben Eisenbahnunternehmen.

Dies war ein kleiner Exkurs des Historic_Correspondenten. Zurück zur Kultur: Heute und Morgen versucht das Festival Take the A-Train schließlich das in den letzten Jahrzehnten gewachsene schlechte Image der Bahnhofsumgebung zu ändern und schickt Jazz-Musiker verschiedenster Genres los, um auf mehreren Bühnen gute Stimmung zu verbreiten.

(c) Cult_Correspondent

Bereits im O-Bus wurde man von den jungen Musikern von Five2Go empfangen, zwischen all den kichernden Schulkindern und verwirrten Rentnern ein amüsanter Anblick. Doch dann führt der im Programm beigelegte Plan etwas in die Irre: Scheinbar überall soll eine Bühne sein, doch zunächst muss man mal eine davon finden. Jene Hauptbühne am Bahnhofsvorplatz ist aufgrund der erwähnten Zelte noch etwas verschoben worden und versteckt sich nun neben dem Holocaust-Denkmal. Wenn grad kein Bühnenbetrieb ist begeistern Straßenmusiker – Eis auf Spendenbasis (Caritas) inklusive.

(c) Take the A-Train

Die Bühne am rückwärtigen Ausgang des Bahnhofes in der Lastenstraße ist gleich gar nicht zu finden. Durch Zufall schlendert man durch das Einkaufszentrum Forum und erfährt von der sympathischen Dame über Lautsprecher, dass gerade ein Jazz-Konzert am Hinterausgang im Gastgarten des Cafés stattfindet – interessanter Locationwechsel für die alten Haudegen von Superbrass, klassisch in der Jazz-Uniform der 50er (schwarzer Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte, teilw. schwarze Sonnenbrille) gekleidet.

(c) Cult_Correspondent

Bevor S.K.Invitational am Abend das Jazzit rocken, sind noch Konzerte in zahlreichen anderen Lokalitäten geplant – teilweise mit, teilweise ohne Eintritt. Und teilweise, ein Novum in Salzburg und auch kritisch zu hinterfragen: Austritt statt Eintritt. Spannendste Location ist sicher das sagenumwogene, legendäre, mysteriöse Tanzcafé Melodie. Seit Jahren geschlossen, umranken zahlreiche Geschichten dieses Urgestein Salzburger Fortgehkultur – safaritaugliche Kleidung empfohlen.

(c) Cult_Correspondent

Das Festival findet zum ersten Mal statt – das hätte man auch als zufälliger Besucher erraten können. Und zufällige Besucher sind die Hauptgruppe – zumindest am Nachmittag. Vermutlich ist das auch die Intention: Neue Besuchergruppen generieren, einen Musikstil stärker in die Öffentlichkeit tragen, Kunst im öffentlichen Raum präsent zu machen. Das ist gelungen. Auch wenn selten wirklich Stimmung aufkommen mag, hat jeder die Möglichkeit qualitativ hochwertige Beiträge zu hören. Nachgearbeitet werden muss bei der Ausschilderung und dem Flair. Wie man gemerkt hat, behandelt diese Besprechung fast ausschließlich organisatorisches und kaum künstlerisches – doch genau so stellt sich das Festival dar: Als kuratiertes Straßenfest, Musik bringt die Leut‘ zamm, intensivere Reflexion gibt es jedoch nicht. Leider fehlt ein entsprechendes Gastronomieangebot, das wirkliche Volksfeststimmung aufkommen ließe. Es wirkt wie eine Nullnummer, eine Pilotfolge, ein „Schaummamoi“. Ziemlich österreichisch also. Vermutlich nächstes Jahr wieder.

Cult_Correspondent

Beitragsbilder: Take the A-Train, Cult_Correspondent

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